100.000 Gartisbücher Eine STADT. Ein BUCH.

Navigation

Fan werden auf facebook

Untermenü


„Alle Männer möchten das Mädchen, in das sie verliebt sind, ändern. Aber die Mädchen lassen sich nicht ändern. Sie sind nämlich viel schlauer als wir.“

Interview mit Dai Sijie

Was war zuerst da: der Wunsch zu schreiben oder der Wunsch zu filmen?
Ganz eindeutig: schreiben. Ich habe schon in China kleine Novellen geschrieben. Aber die sind nie veröffentlicht worden. Das war auch ein Grund, warum ich nach Frankreich gegangen bin – und erst dort habe ich ans Filmen gedacht.

Was machen Sie lieber?
Schreiben. Was ich allerdings bedauere, ist, dass ich nicht in meiner Muttersprache schreiben kann. Ich liebe das Französische, aber es ist nicht meine Sprache. Ich habe ja erst sehr spät Französisch gelernt. Als ich nach Paris kam, hatte ich nur wenige Monate vorher gerade einmal ein paar Brocken aufgeschnappt.

Warum sind Sie nach Paris gegangen, und nicht nach London oder in die USA?
Ich hatte nicht wirklich eine Wahl, denn ich hatte in China ein Stipendium bekommen, um an der École du Louvre in Paris zu studieren. Das war reiner Zufall. Aber gleichzeitig war es für uns auch sehr verführerisch, eingeladen zu werden. Es ging mir und meinen Mitstudenten aus China nur darum, etwas zu lernen, und nicht darum, zu schreiben oder reich oder berühmt zu werden. Wir waren gewissermaßen „rein“ oder „unschuldig“. Wir wollten lernen, um das China nach dem Tod Maos zu verändern. -Diese Generation von Chinesen – meine Generation – hatte noch Ideale. Wir haben tatsächlich geglaubt, wir hätten eine Mission für unser Land, für unser Volk. Aber 1989 hat alles verändert.

1989 – das Jahr des Massakers in Peking – haben Sie ja in Paris erlebt. Ihre Erinnerung daran?
Meine Erinnerungen und Empfindungen an damals sind sehr vielschichtig. Ich kannte natürlich die Schauplätze, aber ich war eben in Paris und sah das alles nur im Fernsehen. Damals hatte ich schon meine ersten Filme gedreht und ich habe mir zum ersten Mal die Frage gestellt, ob ich je wieder nach China zurückkehren werde. Obwohl mir vorher schon bewusst gewesen war, wozu das Regime in Peking fähig ist, hat mich die Grausamkeit des Massakers doch überrascht und entsetzt. Mir wurde bewusst, dass ich jetzt wählen musste: in Europa bleiben oder nach -China zurückkehren. Das war sehr schwierig für mich. Und es war einzig und allein meine Entscheidung, denn ich hatte beim Massaker in Peking ja keine Freunde verloren.
Also fragte ich mich: Was kann ich als Einzelner außerhalb von China überhaupt machen? China ist ja ein riesiges Land. Alles, was man beispielsweise in Frankreich macht, ist nichts, ist eine Bagatelle für die Chinesen. Eigentlich wollte ich nämlich immer nach China, zu meinen Eltern zurückkehren und ihnen zeigen, dass ich Erfolg gehabt hatte. Aber ein Erfolg in Frankreich oder Europa zählt aus Sicht eines Chinesen nichts. Ein Chinese muss in China erfolgreich sein, um ernst genommen zu werden. Schon aus diesem Grund war es ein sehr schmerzhafter Weg für mich, mein Land zu verlassen.

Haben Sie noch Familie in China?
Jetzt nur noch meine Mutter. Sie weiß nicht genau, was ich mache, obwohl sie schon ein paar Mal in Frankreich war. Sie ist Wissenschaftlerin, Ärztin. Sie versteht nicht, was ich so treibe. Wenn sie Freunde auf meine Bücher ansprechen, dann ist sie zufrieden, aber nicht stolz.

Die Umerziehungsjahre in den Bergen waren ja sicher hart. War Ihre Kindheit – als Sohn eines Ärzteehepaares – wenigstens schön?
Ich wuchs in einer sehr ungewöhnlichen Familie auf, vor allem wegen meines Großvaters. Er war ein christlicher Priester, also ein klassischer Feind des Volkes im kommunistischen China. Damals war das Christentum verboten, heute ist es das ja nicht mehr. Ich bin mehr oder weniger bei meinem Großvater aufgewachsen, denn meine Eltern waren Ärzte auf dem Land. Und als sie zurückgekommen sind, haben auch sie sehr darunter gelitten, dass der Großvater Priester war.

Ihre ersten Leseerfahrungen?
An mein erstes Kinderbuch kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber mein Großvater hat mir aus der Bibel vorgelesen – was natürlich strengstens verboten war. Mein Vater ist mit mir einmal in der Woche in die fremdsprachige Bücherei gegangen. Das waren Sprachen, die ich nicht verstanden habe, aber ich habe viel Zeit dort verbracht. Mein Vater hat englische, russische und auch deutsche Texte gelesen. Wahrscheinlich wurde dadurch der Grundstein für meine Liebe zur fremdsprachigen Literatur gelegt. Obwohl mein Vater keine Romane gelesen hat, sondern Fachliteratur.

Und das erste Filmerlebnis?
Damals wurden immer Propagandafilme auf einer großen Leinwand im Freien für ein großes Publikum gezeigt – und die habe ich natürlich alle angeschaut. Bevor ich nach Frankreich kam, hatte ich sehr wenige westliche Filme gesehen, insgesamt vielleicht höchstens vier. An einen Film von Chaplin kann ich mich noch sehr gut erinnern. Und an einen französischen Kriegspropagandafilm gegen die Deutschen, und dann war auch noch ein Film mit Alain Delon dabei. Nachdem ich nach Frankreich gekommen war, habe ich das alles nachgeholt, obwohl ich nur ein sehr kleines Stipendium hatte. Dann hat man mir gesagt: Wenn du auf der Filmhochschule studierst, bekommst du eine Karte, mit der kann man alle Filme gratis sehen. Also habe ich die Aufnahmsprüfung gemacht.

Sie sind 1984 nach Paris gekommen. War das ein Kulturschock für Sie?

Es war zwar nicht wirklich ein Schock für mich, denn ich hatte ja einiges über den Westen gelesen – Romane vor allem –, aber es war dann doch sehr verschieden von dem, was ich bisher erlebt hatte. Vor allem die Art, wie man hier in Europa denkt, wie man an Dinge herangeht, wie man die Welt versteht. Aber: Der Geist ist hier nicht offener, man ist genauso ideologisch wie die Kommunisten. Teilweise sind Europäer sogar ideologischer, als es der Kommunismus war. Die Menschen sind hier eben große Individualisten.

Sie haben einmal gesagt: Vorher wurde China vom Kommunismus zerstört, jetzt vom Kapitalismus. Wie meinten Sie das?
Vielleicht ist zerstört nicht das richtige Wort, sondern dominiert. Aber heute ist es sogar noch extremer: Es gibt in China einen kapitalistischen Kommunismus. Im heutigen China sind die Kapitalisten Kommunisten. Sie haben irgendwann einmal entschieden, dass sie reich werden wollen, und sie sind reich geworden. In China haben eben nicht einzelne Menschen, die versucht haben, ein kleines Unternehmen zu gründen, das große Geschäft gemacht, sondern die Kommunisten. Für die Menschen in China sind die Lebensumstände dadurch nicht unbedingt besser geworden, aber anders. Natürlich gibt es einen gewissen Fortschritt für die Menschen, es gibt mehr Komfort. Aber wirklich Geld verdienen nur die Kommunisten. Das ist heute die Realität und man hat sich daran gewöhnt.
Das ökonomische, kapitalistische System habe ich ja nie gemocht. Was ich aber sehr geliebt habe, war die westliche Kultur. In gewisser Weise habe ich sogar den Individualismus geliebt. Der Kapitalismus ist vielleicht gut, um die Wirtschaft zu entwickeln, aber dann? Es ist schade, denn es gibt heute ja keine Alternativen zum Kapitalismus. Damit muss man leben.

Was war nach Maos Tod Ihre Vision eines neuen China?
Das China von heute hat ja fast gar nichts mehr mit Maos China zu tun. Ich habe den Kapitalismus niemals wirklich geliebt. Es war niemals meine Sache, davon zu träumen, in einer Gesellschaft zu leben, in der alle laufen, um Geld zu verdienen. Mein Traum war eine chinesische Kultur, in der man unterstützt wird, wenn man Ideen entwickeln möchte, in der jeder wählen kann, wo er hin will.

Wie verlief Ihre Entwicklung als Schriftsteller?
Ich habe schon früh mit dem Schreiben angefangen und sogar während meiner Umerziehungszeit geschrieben. Das waren Novellen, aber ich konnte sie niemals veröffentlichen. Und zwar nicht etwa, weil ich das Regime kritisiert hätte – das war niemals mein Beweggrund fürs Schreiben, sondern weil der Ton, in dem ich schreibe, den Mächtigen nicht gefällt. Das ist auch heute noch das Problem bei meinen Büchern in China. Ich habe Schriftstellerfreunde, die 1.000-mal heftiger in ihrer Regime-kritik sind und die dürfen publizieren. Aber bei mir setzt die Zensur immer an.

War „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ zuerst als Film gedacht oder als Buch?
Als Buch. Ich dachte anfangs nicht, dass der Stoff als Film jemanden interessieren würde. Ich wollte einfach diese Geschichte schreiben, um Zeugnis abzulegen. Ich wollte meine sehr persönlichen Erinnerungen weitergeben. Damals hatte ich allerdings schon drei Filme gemacht, aber die waren nicht sehr erfolgreich. Meine Filme sind einfach nicht kommerziell gedacht.

Sie sind zwischen 17 und 21 in den Bergen zur Umerziehung gewesen. Was ist im Roman autobiografisch, was Fiktion? Gab es die kleine Schneiderin, den Freund wirklich – und was wurde aus ihnen?
Die Geschichte ist von wahren Personen und Begebenheiten inspiriert. Das Mädchen hat beispielsweise wirklich in dem Dorf gelebt. Aber sie war keine Schneiderin, sondern eine Bäuerin. Ich wollte mich aber ein wenig von der Umgebung der Berge distanzieren. Diese junge Bäuerin war sehr schön, und es war mein Freund, der in sie verliebt war. Schon damals, als ich dort war, hatte ich eine Geschichte im Kopf, aber ich habe so lange gewartet, weil es eine Sache gab, die ich gerne hineinbringen wollte. Ich habe nach einer Szene gesucht, in der sich die beiden Jungen ein wenig gegen das System auflehnen. Und dann ist mir die Szene eingefallen, in der die beiden Jungen dem Dorfleiter den Zahn behandeln – mit der Nähmaschine! In Wirklichkeit hat es diesen improvisierten Zahnbohrer in den Bergen natürlich nicht gegeben.

Hat sich die kleine Bäuerin in der Realität auch emanzipiert?
Ja, das ist eine wahre Geschichte. Am Anfang war sie eine sehr einfache Persönlichkeit. Aber durch das Lesen hat sie sich verändert und ist schelmisch geworden. Sie hat dann auch wirklich das Dorf verlassen. Aber es war nicht so einfach wie im Roman. Sie ist mehrmals wieder zurückgekommen, wieder gegangen, wieder gekommen. Und sie hat meinen Freund auch jedes Mal wieder getroffen – etwa zehnmal während eines Jahres –, aber letztlich ist sie gegangen. Im Roman musste ich sie einfach so gehen lassen. Mein Freund hat das Buch gelesen und mir gesagt, ich hätte das Mädchen zu idealisiert dargestellt. Die zweite Sache, die ich geändert habe: Im Roman ist das Mädchen eine komplette Analphabetin, in Wirklichkeit konnte sie ein bisschen lesen.

Im Roman erzählen die Buben für die Dorfgemeinschaft Filme nach, die sie sich in der Stadt für sie anschauen. War das real?
Ja, das ist wahr. Mein Freund und ich haben das gemacht. Ich bin ziemlich stolz darauf, denn das war in Wirklichkeit meine Ausbildung zum Filmemacher. Das hat es mir nachher leicht gemacht. Wenn ich mir einen Film ansehe, kann ich mich an fast alle Details erinnern. Wenn man gezwungen ist, einen Film nachzuerzählen, muss man sich eben sehr genau konzentrieren – auf die Ausstattung, auf die Kleider etc. Heute, bei meinen Filmen, achte ich aber mehr auf den Dialog, auf die Darstellung.

Sie beschreiben die teilweise ja tragische Geschichte in einem fast heiteren, anekdotischen Ton. Dadurch wirkt sie noch stärker. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Ich habe das genau so beschrieben, wie ich es erlebt habe. Gewissermaßen ist das ein Zeugnis der Kulturrevolution. Die Kulturrevolution hat sehr lange – von 1966 bis 1976 – gedauert. Am Anfang war es für mich, für meine Familie sehr tragisch, sich plötzlich als Feind des Volkes wiederzufinden. Das war für jede respektierte Familie sehr hart. Denn plötzlich wirst du, von einem Tag auf den anderen, wie Scheiße behandelt. Ich war zwölf Jahre alt und erlebte, wie jeder sich einen Spaß daraus machte, dich wie einen Hund in den Hintern zu treten und zu schlagen. Das war vor allem für meine Eltern sehr hart. Was danach kam, war dann fast lächerlich. Im Vergleich dazu war das, was ich nachher bei der Umerziehung erlebt habe, fast freundlich.

Als das Buch 2000 herauskam – rechneten Sie damit, dass es ein so großer Erfolg werden würde?
Absolut nicht. Ich wollte gar keinen Bestseller schreiben, ich mag ja keine Bestseller. Und dann hatte ich plötzlich selber einen geschrieben. Das hat mich verlegen gemacht am Anfang. Aber dann war es doch wunderbar und sehr angenehm.

Worauf werden Sie von Ihren Lesern am meisten angesprochen?
So ganz habe ich die Wirkung meines Buchs nie verstanden. Ich habe an vielen Diskussionen teilgenommen und viele verschiedene Gründe gehört, warum der Roman so gerne gelesen wird. Eine Erklärung hat mir besonders gut gefallen: An einer Uni in den USA hat jemand gesagt: Uns ist egal, dass das Buch während der Revolution in China spielt, aber es erzählt eine alte Geschichte, die uns sagen will, dass alle Männer, wenn sie in ein Mädchen verliebt sind, immer Lust verspüren, dieses Mädchen zu ändern. Aber die Mädchen lassen sich nicht ändern. Die Mädchen sind nämlich viel intelligenter als wir. Diese Meinung finde ich sehr interessant, weil sie teilweise wahr ist. Wir Männer wollen unsere Geliebten ändern, aber wir denken nicht daran, dass die Mädchen viel schlauer sind als wir. Männer sind Idioten. Ich weiß, das ist eine sehr feministische Interpretation. Mein Buch gefällt aber auch mehr den Frauen.
Was ich außerdem erstaunlich finde: Wenn mich Frauen bitten, das Buch zu signieren – auf der ganzen Welt, egal ob in den USA oder in Japan –, wollen sie immer, dass ich die letzte Phrase des Buchs hineinschreibe: „… dass die Schönheit der Frau ein unbezahlbarer Schatz ist“. Jedes Mal bin ich sehr verlegen, aber ich denke, dass der Geist dieses Satzes in allen Romanen von Balzac gegenwärtig ist. Auch in Frankreich ist dieser Gedanke tief in der Gesell-schaft verwurzelt.
Ich habe mein Buch zwar nicht geschrieben, um Frauen zu gefallen – aber allen Frauen gefällt es – egal in welcher Sprache sie es lesen.

In China wird eine Geschichte als eine Geschichte gelesen. Im Westen wird immer gefragt: Wovon handelt das Buch, der Film in Wirklichkeit? Ist der Westen zu intellektuell?
Ja und nein. Wenn westliche Journalisten in Kontakt mit mir oder anderen Asiaten kommen, erwarten sie bestimmte Dinge. Möglicherweise kennen sie Asien oder China noch nicht so gut und wollen bestimmte Sachen wissen. Etwa über soziale Themen und Ähnliches. Anderes interessiert sie nicht.
Ich finde, mein letztes Buch, „L’acrobatie aérienne de Confucius“, ist das Beste, was ich je geschrieben habe. Es hat mir viel Spaß gemacht, diese einfache Geschichte zu schreiben. Aber es ist schwierig, dafür einen deutschen Verleger zu finden, weil es keine sozialen oder intellektuellen Konflikte enthält. Aber ich bin kein Journalist, ich bin Schriftsteller. Und ich will eine Geschichte erzählen oder meine Träume niederschreiben. Vielleicht wird das ja erst in 20 Jahren verstanden und geliebt, wenn man sich fragt: Was geht im Kopf eines Chinesen vor, welche Fantasien hat er? Wie ist das Verhältnis eines Chinesen zu Frauen? Wie ist das mit der Sexualität usw.? In Japan und in Korea ist das Buch schon ein Erfolg. Im Westen noch nicht, weil hier will man immer nur wissen, wie China funktioniert.

Sie leben seit 1984 in Paris. Fühlen Sie sich mehr als Europäer oder als Chinese?
Ich fühle mich sehr als Chinese und ich habe noch immer einen chinesischen Reisepass. Ich habe niemals den Wunsch verspürt, die französische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Ich glaube: Ein Chinese bleibt immer ein Chinese, selbst wenn er 30 oder 50 Jahre hier lebt. Ein Japaner bleibt auch immer ein Japaner, er kann nicht eines Tages Österreicher werden. Ein Chinese kann sich nicht ändern, denn das ist seine Identität. Er spricht immer seine Sprache, er wird sie nie vergessen. Und er denkt als Chinese, was auch immer geschieht. Das ist auch sehr erstaunlich für mich. Aber es ist natürlich auch umgekehrt: Jemand aus dem Westen kann niemals ein Chinese werden.

War es anfangs schwierig, mit Europäern zusammenzuarbeiten?
Nein, für mich persönlich war das immer einfach. In dem Moment, in dem du etwas zu erzählen hast, werden sie neugierig. Was ich seltsam finde, ist: Wenn ich in Japan auf meine Filme angesprochen werde, dann sagen sie oft: Das ist ein Film, der sehr von Frankreich beeinflusst ist, der sehr französisch ist. Wenn ich in China bin, werde ich immer als Franzose betrachtet, und in Frankreich sieht man mich als Chinesen.
Das hat aber auch einen Vorteil, denn auf diese Weise kann niemand eifersüchtig auf mich sein: ein Franzose nicht, weil ich Chinese bin, und ein Chinese nicht, weil ich Franzose bin. Und ein Schriftsteller kann nicht eifersüchtig sein, weil er denkt, ich bin ein Filmemacher, und ein Filmemacher nicht, weil ich ein Schriftsteller bin.

Sind Ihre Bücher und Filme in China verboten oder kann man sie dort kaufen?
Nein, alles von mir ist verboten. Mit „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ ist das eine besondere Geschichte: Das Buch wurde einmal in China veröffentlicht. Allerdings in einer sehr merkwürdigen Fassung mit einem Vorwort, in dem gesagt wird, dass es ein politisch falsches Buch sei. Aber es sei trotzdem ein historisches Zeugnis einer Zeit, in der es notwendig war, Bücher zu stehlen, um sie zu lesen.
Aber das Verbot meiner Bücher und Filme ist nicht so schlimm. Denn man bekommt sie problemlos in allen Geschäften auf dem Schwarzmarkt. Als ich Filmstudent war, hatte ich nur einen Wunsch: nämlich, einen Film zu machen – einen einzigen, den man in einem kleinen Kino im Quartier Latin einige Monate lang sehen kann und der dann in China auf dem Schwarzmarkt verkauft wird. So gesehen bin ich sehr erfolgreich. Es macht mir also nicht sehr viel aus, dass meine Arbeiten in China verboten sind. Ich fände es jetzt fast merkwürdig, wenn alle meine Filme mögen würden. Vielleicht müsste ich andere Filme machen, wenn meine Filme plötzlich offiziell in China gezeigt würden. Aber sogar mein aktueller Roman, „L’acrobatie aérienne de Confucius“, ist in China verboten, wahrschein-ich noch die nächsten 100 Jahre. Ich bin sehr stolz darauf, ein Buch geschrieben zu haben, das man in China nicht hätte schreiben können. Ich bin in Frankreich und kann schreiben, was ich will.
Meine chinesischen Kollegen sind deswegen sehr eifersüchtig auf mich. Denn ich kann hier in Paris ein sehr komisches, sehr erotisches Buch veröffentlichen, ohne auf irgendjemand Rücksicht nehmen zu müssen. Alle chinesischen Schriftsteller träumen davon, so ein Buch zu schreiben. Und ich habe es gemacht!

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Ich bin gerade dabei, eine Novellensammlung aus dem heutigen China fertigzustellen. Das sind sehr einfache, realistische Geschichten mit dem Titel „Drei chinesische Leben“. Das wird hoffentlich auch meine deutsche Verlegerin interessieren. Hier in Frankreich kommt das Buch im Jänner heraus.
Und ich verfolge ein Filmprojekt über einen englischen Läufer, der in den 40er Jahren in einem chinesischen Lager war. Aber derzeit muss ich noch Geld dafür auftreiben.

Werden Sie zum ersten Mal nach Wien kommen?
Ja. Ich war bis jetzt immer nur auf der Durchreise in Wien, wenn ich etwa nach Bratislava fuhr. Ich bin sehr neugierig, auf Mozart und Freud und vieles andere …

In China wird Wien ja als Stadt der Musik wahrgenommen. Wie war das bei Ihnen?
Ganz genauso. Aber ich verbinde mit Wien die gesamte Kultur, das Geistesleben – besonders der 20er und 30er Jahre: die Maler (Klimt, Schiele) und die Literatur, die ich natürlich besonders liebe. Das ist für mich Wien.

Musik ist aber auch in Ihren Filmen ganz wichtig. Wie wählen Sie den Komponisten aus?
In meinen Filmen ist das sehr speziell. Wenn ich eine Szene schreibe, denke ich schon an die Musik. Ich spiele den Schauspielern auch noch vor dem Dreh Musik vor. Bisher habe ich in meinen Filmen sehr viel Musik von Mozart verwendet. In „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ gibt es ja ausschließlich Musik von Mozart. Das beginnt schon mit seinem Violinkonzert Nr. 3. Dazu eine Geschichte: „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ sollte auf einem großen Festival gezeigt werden. Aber der Intendant hasste Mozart und man hat mich aufgefordert, die Musik von Mozart wegzunehmen. Das habe ich natürlich nicht gemacht, obwohl mein Produzent großen Druck auf mich ausgeübt hat. Es gab berechtigte Hoffnungen, dort einen Preis zu gewinnen. Aber ich bin hart geblieben und bin stolz darauf.
Ich liebe Mozart seit meiner Jugendzeit und ich habe den Film nicht gemacht, um Geld zu verdienen oder einen Preis zu gewinnen. Das ist ein Zeugnis meiner Jugend, und da kann ich nicht einfach etwas weglassen.


(Das Interview mit Dai Sijie führte Helmut Schneider am 8. September in einem chinesischen Restaurant in Paris. Mitarbeit und Übersetzung: Ursula Scheidl.)
 

Hier gibt's das Gratisbuch!

Rückblick